Vespasianstempel



Übersicht

  • Vespasianstempel in flavischer Zeit (um 96 n.Chr.), topographischer Kontext
  • Vespasianstempel in flavischer Zeit (um 96 n.Chr.), topographischer Kontext
  • Vespasianstempel (79-96 n.Chr.)
  • Vespasianstempel (79-96 n.Chr.)
  • Vespasianstempel (79-96 n.Chr.)
  • Vespasianstempel, heutiges Erscheinungsbild
  • Vespasianstempel, heutiges Erscheinungsbild
  • Vespasianstempel, heutiges Erscheinungsbild
  • Vespasianstempel im Kontext der heutigen Ausgrabungsstätte

Errichtung: 79-96 n.Chr. (genaues Datum der Einweihung unbekannt)

Umbauten: Restauration in severischer Zeit

Funktion: Kultbau, Repräsentationsbau

Historischer Kontext: Flavisch Severisch Tetrarchisch Antoninisch


Mit dem Bau des Vespasianstempels antwortete die Dynastie der flavischen Kaiser deutlich und selbstbewusst auf die bisher dominante Präsenz des iulisch-claudischen Kaiserhauses auf dem Forum, dem sie nach dem Sturz Neros auf den Thron gefolgt war. Ihre Antwort zielte dabei vor allem auf den Tempel des divus Iulius, des vergöttlichten Caesars und damit Gründervaters der Dynastie der Iulio-Claudier, der mit seiner prominenten Lage an der Ostseite das Forum beherrschte und hiermit die Idee der kultischen Verehrung des herrschenden Kaiserhauses markant am Forum verankert hatte. Indem die Flavier auf der gegenüberliegenden Forumsseite einen weiteren Tempel für einen divinisierten Kaiser, nun für den vergöttlichten Vespasian und damit Gründervater der flavischen Dynastie, errichteten, gelang es ihnen, auf eindrückliche wie zugleich spektakuläre Weise einen flavischen Gegenakzent auf dem Forum zu setzen.

Geschichte

Als Vespasian, der erste flavische Kaiser, im Jahr 79 n.Chr. verstarb, wurde er wie einige der Kaiser vor ihm ebenfalls divinisiert. Als divus standen ihm kultische Ehren und damit natürlich auch ein entsprechender Tempelbau zu. Seine Söhne, Titus, der ihm zunächst auf den Thron folgte, aber schon 81 n.Chr. verstarb, sowie Domitian, der beiden wiederum auf den Thron folgte, beschlossen, diesen Tempel just am Forum zu errichten – und nicht außerhalb, wie dies etwa bei den Tempeln für den divus Augustus oder den divus Claudius geschehen war. Die Wahl des Standortes dieses Tempels am Forum zeigt deutlich, wie wichtig es für die flavischen Kaiser war, sich und ihre Herrschaft am Forum markant zu inszenieren.

Die Errichtung des Tempels wurde zweifelsohne unter Titus (79-81 n.Chr.) beschlossen; vollendet und eingeweiht wurde er jedoch wahrscheinlich erst unter der Herrschaft des Domitian (81-96 n.Chr.) – wobei das genaue Datum nicht überliefert ist. Die Tatsache, dass Titus seinerseits auch bald nach dem Tod Vespasians verstarb und ebenfalls divinisiert wurde, hat bei der funktionalen Bestimmung des Tempels zu Verwirrung geführt, teils wird er in spätantiken Quellen sowie in der Forschungsdiskussion auch als gemeinsamer Tempel für den divus Vespasianus und den divus Titus angesprochen. Angesichts der überlieferten Dedikationsinschrift, die den Tempel einst auf dem Architrav an der Front schmückte und ihn lediglich als Tempel für den divus Vespasianus ausweist, ist hier jedoch nur von einer kultischen Verehrung des divus Vespasian auszugehen – wäre der divus Titus ebenfalls Kultempfänger gewesen, wäre auch seine Nennung in der Widmungsinschrift zu erwarten (wie etwa bei dem Tempel für die diva Faustina und den divus Antoninus südlich des Forums).

Die überlieferte Bauinschrift nennt ferner auch eine Restauration des Tempels unter den severischen Kaisern Septimius Severus und Caracalla im frühen 3. Jh. n.Chr. Nach Ausweis der noch erhaltenen Architektur, die keine gravierenden Eingriffe in die flavische Bausubstanz erkennen lässt, ist wohl davon auszugehen, dass die Restaurationsmaßnahmen nicht allzu weitreichend waren. Es ist sogar vorstellbar, dass dieser restaurative Eingriff mehr ideologisch als faktisch bedingt war, um die Severer als fürsorgliche Sachwalter des Erbes der Vergangenheit und angemessene Nachfolger der großen Kaiser Roms zu inszenieren (wie dies etwa auch bei der severischen Restauration am Pantheon zu beobachten ist).

Standort

Ein flavisches Pendant zum Caesartempel zu schaffen, war eine selbstbewusste wie gleichzeitig wirkungsvolle Maßnahme. Allerdings hatten sich die Verhältnisse am Forum inzwischen grundlegend verändert. Während Augustus für den Caesartempel noch eine vergleichsweise ideale Baufläche an der Ostseite des Forums okkupieren konnte, mit der dieser Bau das Forum eindrücklich von Osten her zu beherrschen vermochte, wies das Forum für Titus und Domitian eine dichte Bebauung auf, in die nicht leicht eine Lücke für den neuen Tempelbau zu schlagen war. Man wählte schließlich eine vergleichsweise kleine Fläche in der Südwestecke des Forum, hinter dem Saturntempel und zwischen dem Concordiatempel, der Porticus Deorum Consentium und dem Tabularium hineingezwängt. Von dieser Position her konnte der Vespasianstempel freilich keine vergleichbare visuelle Dominanz entwickeln wie der Caesartempel, doch seine Lage direkt am clivus Capitolinus, dem Aufgang hoch zum Hauptheiligtum der Stadt, dem Capitol, verlieh ihm durchaus eine andere Form von topographischer Prominenz. Welcher Bau an seiner statt damals weichen musste, ist unklar (in der spätrepublikanischen Phase ist dort am plausibelsten die Basilica Opimia zu lokalisieren; diese wird aber im Zuge der augusteischen Erweiterung des Concordiatempels abgerissen – oder zumindest massiv verkürzt worden sein); was aber auch immer dort stand, war nicht genügend bedeutsam, als dass es vor dem Abriss zugunsten des neuen Tempels sicher gewesen wäre, den man mit aller Gewalt im Areal des Forums noch unterbringen wollte.

Architektur und Ruine

Von der aufragenden Architektur des Tempels erheben sich heutzutage noch drei Säulen auf dem Tempelpodium, die die nördliche Ecke der Tempelfassade markieren; auf ihnen ruhen ferner Blöcke des Architravs mit den letzten Buchstaben der severischen Restaurationsinschrift sowie des anschließenden Dachgebälks. Diese erhaltenen Reste der aufgehenden Architektur sowie das ebenfalls vollständig erhaltene Tempelfundament (bestehend aus Tuff- und Travertinblöcken sowie opus caementicium) erlauben eine vergleichsweise sichere Rekonstruktion des Baus. Es handelte sich um einen Tempel von vergleichsweise mittlerem Ausmaß (ca. 21x28m im Grundriss messend), mit sechs Säulen korinthischer Ordnung in der Front. Die Konzeption des Baus reagiert spürbar auf die geringe Fläche des Bauplatzes: Freistehende Säulen befinden sich nur in der Tempelvorhalle (Pronaos), ansonsten ist die Cellamauer an den Seiten bis nach außen gezogen, um einen leidlich großen Innenraum (Cella) für den Tempel zu sichern. Mit der Rückwand ist der Tempel direkt vor das Tabularium gebaut. Eine steile Treppenkonstruktion an der Front führte hoch in den Tempel, wobei zum Ausgleich des geringen Platzes vor der Straße des clivus Capitolinus die oberen Treppenstufen in die Säulenzwischenräume (Intercolumnien) eingeschnitten wurden. Die Seiten des Architravs schmückte ein Fries, der verschiedene Kultgegenstände und Schädel von Opferstieren zeigt und damit auf die sakrale Bedeutung des Baus verwies.

(SM)

 

Druckversion

Zitieren nach: Muth, Susanne. „Der Vespasianstempel“, digitales forum romanum, http://www.digitales-forum-romanum.de/gebaeude/vespasianstempel/ (abgerufen am Tag.Monat.Jahr)

Ausführlichere Besprechung und wissenschaftliche Rekonstruktion im Wiki des digitalen forum romanum (Dana Drüen, Erika Holter, Ramona Müller)

 

Ausgewählte Bibliographie

F. Coarelli, Divus Vespasianus. Il bimillenario dei Flavi (Rom 2009).

S. De Angeli, Templum Divi Vespasiani (Rom 1992).

S. De Angeli, Vespasianus, Divus, Templum, in: E. M. Steinby (Hrsg.), Lexicon Topographicum Urbis Romae V (Rom 1999) 124-125.

Digital Roman Forum, Vespasianus Divus, Templum, http://dlib.etc.ucla.edu/projects/Forum/reconstructions/VespianusDivusTemplum_1

H. Knell, Bauprogramme römischer Kaiser (Mainz 2004) 143-147.

S. B. Platner – T. Ashby, A Topographical Dictionary of Ancient Rome (London 1929) 556.