Tabernae



Übersicht

  • Tabernae veteres in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), topographischer Kontext
  • Tabernae veteres in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), topographischer Kontext
  • Tabernae veteres (ab 318 v.Chr.)
  • Tabernae veteres vor der Basilica Sempronia (ab 169 v.Chr.)
  • Tabernae novae in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), topographischer Kontext
  • Tabernae novae in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), topographischer Kontext
  • Tabernae novae (ab 210 v.Chr.)
  • Tabernae novae vor der Basilica Fulvia (ab 179 v.Chr.)
  • Tabernae zu Beginn der Späten Republik (um 200 v.Chr.), topographischer Überblick
  • Tabernae in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), topographischer Überblick
  • Tabernae zu Beginn der Späten Republik (um 200 v.Chr.), topographischer Kontext
  • Tabernae in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), topographischer Kontext

Errichtung: 6. und 5. Jh. v.Chr.

Umbauten: mehrere Umbauten, besonders im späten 4. Jh. v.Chr. sowie (bezogen auf die Tabernae an der Nordseite) im späten 3. Jh., Abriss im mittleren 1. Jh. v.Chr. (im Zuge der Errichtung monumentaler Basilica-Bauten unter Caesar und Augustus)

Funktion: Nutzbau, Ort des Handels, Repräsentationsbau

Historischer Kontext: Späte Republik I Späte Republik II


So unscheinbar die Tabernae auch im Vergleich mit den monumentalen Tempeln und Basilica-Bauten am rublikanischen Forum waren, so sind es doch gerade diese Bauten, die uns einen besonders wichtigen Moment in der Geschichte des Forums greifen lassen: den Wandel des Forums vom Marktplatz eines Stadtstaates zum Repräsentationsplatz einer Weltmacht.

Anfänge

Das frühe Forum des 6. und 5. Jh. v.Chr. definierte sich vor allem über zwei zentrale Pole an den Ecken des Platzareals: zum einen dem politischen Zentrum beim Comitium und der Curia in der Nordwestecke und zum anderen dem sakralen Zentrum bei der Regia und dem Vestatempel in der Südostecke. Das dazwischen liegende Areal diente für Handelsaktivitäten – hier wird man sich zunächst ein buntes und lebendiges, aber auch teils lärmendes und schmutziges Treiben vorstellen müssen. Um dieses Markttreiben ansatzweise ordnen und sicherlich auch kontrollieren zu können, scheinen schon früh Zeilen von Ladenbuden (Lat. tabernae) bezeichnet, an den Seiten der Platzfläche errichtet worden zu sein. In diesen Läden wird man sich allerlei Händler für den alltäglichen Gebrauch, vor allem für die alltägliche Verpflegung vorstellen müssen – etwa berichten die literarischen Quellen von Fleischern, die hier ihre Ware anboten.

Spätere Autoren führen die Errichtung der ersten Tabernae schon auf den König Tarquinius Priscus im früheren 6. Jh. v.Chr. zurück, der Portiken und Tabernae habe am Forum erbauen lassen – vielleicht nicht zufällig, wird diesem König doch auch teils die Errichtung der Cloaca maxima zugeschrieben, eine weitere übergreifende Maßnahme zur besseren Organisation und Strukturierung des Forums und seiner Nutzung. Die Errichtung der Tabernae ist dabei eine Maßnahme mit weitreichenderen Konsequenzen, als es den Anschein haben mag: Dass diese Läden nunmehr auf öffentlichem Grund stehen, bedeutete nicht zuletzt auch, den Handel unter staatliche Kontrolle und damit auch unter Pachtauflagen zu bringen, anstatt ihn jedem einzelnen Privathaus am Forum mit den ihn angeschlossenen Straßenläden oder auch einfachen Ständen mitten auf dem Forum zu überlassen.

Folgt man den literarischen Überlieferungen, so sollen spätestens im 5. Jh. v.Chr. schon an mehreren Stellen des Forums derartige Tabernae bestanden haben. Entsprechend können wir vermuten, dass im 5. und 4. Jh. v.Chr. sukzessive alle freien Ränder des Platzes mit solchen Ladenzeilen besetzt wurden, sicher an der Nord- und Südseite, wahrscheinlich aber auch an der West- und Ostseite.

Neue funktionale Bestimmungen

Im späten 4. Jh. v.Chr. kommt es dann zu einem folgenschweren Eingriff in das Erscheinungsbild und die Funktion der Tabernae – und damit überhaupt im Spektrum der Funktionen, denen das Forum dienen soll: Offensichtlich durch den Censor C. Maenius im Jahr 318 v.Chr. initiiert (derselbe hatte nach seinem Sieg 338 v.Chr. auch die Rammsporne an den republikanischen Rostra anbringen lassen), wurden die Tabernae umgebaut und erhielten oben im oberen Stockwerk der Ladenreihe eine Tribüne bzw. einfache Balkone, von denen aus – wie von Loggenplätzen – dann Spiele oder Umzüge auf dem Forum betrachtet werden konnten (freilich unter Bezahlung dieser exklusiven Plätze). Diese Balkone auf den Tabernae scheinen ein solcher Erfolg gewesen zu sein, dass sie bald nach ihrem Erfinder als ‚Maeniana‘ bezeichnet wurden und als Standard bei Tabernae an republikanischen Forumsanlagen galten.

Im Zusammenhang mit diesem Umbau, welcher das Forum primär als Ort repräsentativer Handlungen definiert, scheint es aber auch gleichzeitig zur Verbannung der normalen Händler aus den Tabernae gekommen zu sein (sie trieben ihren Handel fortan in einem benachbarten Macellum, einem eigens für den Handel reservierten Marktbereich, nördlich des Forum). Anstatt der Fleischer und sonstigen normalen Händler zogen dafür nun Geldwechsler (lat. argentarius: Silberschmied, Geldwechsler) in die Läden am Forum ein und bestimmten mit ihrem Treiben nun das merkantile Profil des Forums. Entsprechend trugen die Tabernae nun auch den Namen ‚tabernae argentariae‘.

Wandel des Forums

Hinter diesem Auszug der normalen Lebensmittelhändler und dem Einzug der Geldwechsler steht ein grundlegender Wandel des Forums (und zugleich Roms): Bisher war dieses als normaler Marktplatz eines bäuerlich geprägten Stadtstaats genutzt worden und diente primär dem Handel zur alltäglichen Versorgung seiner Bürger. Nun aber war Rom mehr und mehr zur Territorialmacht aufgestiegen, die in den Umgang mit Herrschern anderer Städte und Regionen und deren Gesandten kam. Das Forum wurde somit mehr und mehr zum Repräsentationsraum einer aufstrebenden Macht: Hier empfing man auswärtige Gesandte und hier organisierte man die Kontakte und wirtschaftlichen Kooperationen mit fremden Nationen, hier bereitete ferner auch man die Finanzierung der nun stetig wachsenden militärischer Kampagnen vor. Das Geschäft der Geldwechsler wurde folglich immer wichtiger für das außenpolitische Agieren Roms – und somit war es nur konsequent, diese in die Läden am Forum einziehen zu lassen. Die neue Bestimmung der Tabernae bescherte dem Forum also ein neues und repräsentativeres, zugleich aber auch anspruchsvolleres Gesicht: In diesem Zusammenhang ist die Aussage des späteren Gelehrten Varro zu sehen, der den Einzug der Argentarii in die Tabernae solcherart kommentiert, dass damals die Würde des Forums gewachsen sei.

Fortbestand und Aufgabe:

Als Symbol der gewachsenen Würde des Forums standen die Tabernae argentarii die folgenden Jahrhunderte der republikanische Zeit und prägten mit ihrer vergleichsweise einfachen Bauweise das Erscheinungsbild der Längsseiten des Forums. Im Jahr 310 v.Chr. wurden sie mit vergoldeten Schilden der besiegten Samniten geschmückt und bekamen somit den Charakter eines Repräsentationsbau zur Feier des triumphierenden Feldherrn L. Papirius Cursor. Beim großen Brand des Forums im Jahr 210 v.Chr. wurden die Tabernae an der Nordseite zerstört und wieder neu aufgebaut (weshalb sie fortan als Tabernae novae, die ‚neuen Tabernae‘,bezeichnet wurden – und von den Tabernae veteres, den ‚alten Tabernae‘, an der Südseite nominell abgesetzt wurden.

Auch als im Laufe des 2. Jh. v.Chr. sukzessive die großen Basilica-Bauten an den verschiedenen Seiten des Forums entstanden (s. Basilica Fulvia, Basilica Sempronia), blieben die demgegenüber fast mickrigen Tabernae als ihnen vorgeblendete Bauten zunächst stehen. Doch die Entdeckung der monumentalen Pracht der Basilica-Architektur sollte schließlich auch das Schicksal der Tabernae besiegeln: Als diese Basilica-Bauten, insbesondere die Basilica Paulli an der Nordseite und die Basilica Iulia an der Südseite als Repräsentationsbauten von nochmals deutlich gesteigerter Pracht im mittleren 1. Jh. v.Chr.neu erbaut wurden, schluckte man auch die einfachen Bauten der Tabernae, die dem eindrucksvollen Erscheinungsbild des zunehmend monumentalisierten Forums entgegenstanden. An ihre Stelle traten als Begrenzung des Platzrandes nun die Fassaden der Basilica-Bauten, welche zugleich auch endgültig die Funktionen der Tabernae als Stätte der Geldwechsler übernommen hatten.

Namen und Lokalisierung

Verschiedene Namen sind für die Tabernae am Forum überliefert, bedingt durch ihre wechselvolle Geschichte. Als ‚Tabernae lanienae‘ gelten die Läden der Fleischer (lat. lanius), als ‚Tabernae argentariae‘ die der Geldwechsler (lat. argentarius) ab dem späten 4. Jh. v.Chr. Beide Namen beziehen sich gleichermaßen auf die verschiedenen Tabernae an den jeweiligen Seiten des Forums. Als bei dem Brand im Jahr 210 v.Chr. die Tabernae argentariae an der Nordseite zerstört und neu aufgebaut werden, werden diese als ‚Tabernae novae‘ (die neuen Tabernae) bezeichnet; die nicht neu erbauten Tabernae an der Südseite gelten fortan als die ‚Tabernae veteres‘ (die alten Tabernae). Die auf den Tabernae ab 318 v.Chr. errichteten Zuschauertribünen heißen nach ihrem Stifter ‚Maeniana‘.

Rekonstruktion

Da von den Tabernae am republikanischen Forum bislang keine archäologischen Reste nachgewiesen werden konnte, bleibt deren Rekonstruktion zwangsläufig hypothetisch. Wahrscheinlich ist die Annahme einer einfachen Säulenhalle (Porticus) mit rückwärtigen Ladenräumen. Diese einfachen Ladenreihen können von unterschiedlichster Länge gewesen sein – wobei ebenso denkbar ist, dass in bestimmten Abständen Durchbrüche und Wege zu den hinter den Tabernae stehenden Wohnhäusern und späteren Basilica-Bauten bestanden. Angesichts des abschüssigen Geländes vor allem auf der Südseite wird man zumindest bei den Tabernae veteres mehrere ansteigende Terrassierungen annehmen müssen, eventuell auch mit einem Höhenversprung in der Dachkonstruktion der Tabernae in bestimmten Abständen.

Ebenso hypothetisch bleibt die Rekonstruktion der auf den Tabernae errichteten Maeniana – in unserem Modell sind sie vorschlagsweise als Balkone mit rückwärtig angeschlossenen überdachten Räumen rekonstruiert (letztere nicht zuletzt auch aus statischen Überlegungen, um den quergelegten Balken der Tribünenfläche, auf der die Zuschauer vorne standen, ein stabilisierendes Gegengewicht zu verleihen).

(SM)

 

Druckversion

Zitieren nach: Muth, Susanne. „Die Tabernae“, digitales forum romanum, http://www.digitales-forum-romanum.de/gebaeude/tabernae/ (abgerufen am Tag.Monat.Jahr)

Ausführlichere Besprechung und wissenschaftliche Rekonstruktion im Wiki des digitalen forum romanum (Martin Ronkowski)

 

Ausgewählte Bibliographie

Ch. Baratto, Le tabernae nei fora delle città romane tra l’età repubblicana e il periodo imperial, Rivista di Archeologia, 27 (2003) 67-92.

F. Coarelli, Foro Romano I. Periodo arcaico (Rom 1983) 140-155.

F. Coarelli, Foro Romano II. Periodo repubblicano e augusteo (Rom 1985) 201-208.

K. Lehmann-Hartleben, Maeniana und Basilica, American Journal of Philology 59, 1938, 60-80.

A. Boethius, Maeniana. A study of the Forum Romanum of the forth century B.C., Eranos 43, 1945, 89-110.

G. Maselli, Argentaria. Banche e banchieri nella Roma repubblicana (Bari 1986).

E. Papi, Tabernae Argentariae, in: E.M. Steinby (Hrsg.), Lexicon Topographicum Urbis Romae V (Rom 1999) 10-12.

E. Papi, Tabernae circa Forum, in: E.M. Steinby (Hrsg.), Lexicon Topographicum Urbis Romae V (Rom 1999) 12–13.

E. Papi, Tabernae Lanianae, in: E.M. Steinby (Hrsg.), Lexicon Topographicum Urbis Romae V (Rom 1999) 13-14.

E. Papi, Tabernae Novae, in: E.M. Steinby (Hrsg.), Lexicon Topographicum Urbis Romae V (Rom 1999) 14-15.

E. Papi, Tabernae Veteres, in: E.M. Steinby (Hrsg.), Lexicon Topographicum Urbis Romae V (Rom 1999) 15.

B. Steinmann – R. Nawracala – M. Boss, Im Zentrum der Macht. Das Forum Romanum im Modell (Erlangen-Nürnberg 2011) 86-89.