Saturntempel



Übersicht

  • Saturntempel in der Mittleren Republik (um 250 v.Chr.), topograph. Kontext
  • Saturntempel in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), topograph. Kontext
  • Saturntempel in augusteischer Zeit (um 14 n.Chr.), topograph. Kontext
  • Saturntempel in spätantiker Zeit (um 350 n.Chr.), topograph. Kontext
  • Frührepublikanischer Saturntempel (Anfang 5. Jh. v.Chr.)
  • Augusteischer Saturntempel des Munatius Plancus (um 30 v.Chr.)

Errichtung: Anfang 5. Jh. v.Chr. erbaut

Umbauten: nach 42 v.Chr. bis kurz nach 31 v.Chr. Errichtung eines Neubaus; im 4. Jh. n.Chr. nach einem Brand wiederhergestellt

Funktion: Archiv, Kultbau, Schatzkammer

Historischer Kontext: Späte Republik I Späte Republik II Augusteisch II Flavisch Severisch Tetrarchisch Antoninisch


An der Südwestecke des Forums, direkt am Aufgang zum Capitol gelegen, dominiert noch heute der Saturntempel mit seiner seit der Antike aufrechtstehenden, imposanten Fassade das Erscheinungsbild des Forums. Der Tempel gehört zu den ältesten Sakralbauten am Forum, der Kult des Saturns wurde seit der Königszeit an dieser Stelle gepflegt. Das heute greifbare Erscheinungsbild des Tempels geht auf eine Restaurierung in der Spätantike zurück; Reste der beiden Vorgängerbauten, des frührepublikanischen Tempels aus dem frühen 5. Jh. v. Chr. und des frühaugusteischen Tempels aus dem späten 1. Jh. v.Chr., sind in dem spätantiken Bau inkorporiert.

Geschichte

Bereits vor der Errichtung des ersten Saturntempels in der frührepublikanischen Zeit soll hier, wie spätere Autoren des 1. Jh. v.Chr. zu berichten wissen, einen Altar des Saturns gestanden haben. Der Legende nach war es sogar der mythische Held Herakles, der diesen Altar geweiht haben soll. Mit den Anfängen des Tempels kommen wir in die historisch besser greifbare Epoche der ausgehenden Königszeit: Der Überlieferung zufolge hat Tarquinius Superbus, der letzte König Roms, den Auftrag zum Bau des Saturntempels erteilt. Sein Sturz jedoch verhinderte, dass er auch den fertigen Tempel einweihen konnte. Die antiken Schriftquellen, jeweils aus deutlich späterer Zeit, nennen in sich widersprüchlich verschiedene Personen, die den Tempel eingeweiht haben sollen: Titus Larcius, im Jahre seiner Diktaturs (501 v.Chr.) oder seines Consulats (498 v.Chr.), die Consulen des Jahres 497 v.Chr. A. Sempronius Atratinus und M. Minucius Augurinus oder der Consul des Jahres 501 oder 493 v.Chr. Postimius Cominius. Bei aller Unsicherheit, wer genau den Tempel einweihte, bleibt jedoch die Feststellung, dass der Tempel damit ein Bauwerk vom Anfang der frührepublikanischen Epoche war – und sicherlich auch als identitätsstiftendes Bauwerk der jungen Republik verstanden und ideologisch eingesetzt wurde.

Ob der Tempel in den folgenden Jahrhunderten Umbau- oder Restaurierungsmaßnahmen erfuhr, lässt sich bislang nicht klären: Sichere Indizien hierfür fehlen; angesichts des zunehmenden Alters des frührepublikanischen Tempels scheinen jedoch mindestens kleinere restaurierende Eingriffe nicht unwahrscheinlich. Im Großen und Ganzen scheint der frührepublikanischen Tempel in seinem altertümlichen Erscheinungsbild aber bis zur Mitte des 1. Jh. v.Chr. Bestand gehabt zu haben.

Erst 42 v.Chr. gerät der Tempel wieder in den Strudel allzu vitaler baupolitischer Aktivitäten, der in dieser Zeit das gesamte Forum nachhaltig erfasste. L. Munatius Plancus, Triumphator über die Raetier und Consul des Jahres 42 v.Chr., wurde mit dem Neubau des Saturntempels beauftragt, den er aus der Kriegsbeute seines Feldzuges gegen die Raetier finanzierte. Da Munatius Plancus als Anhänger des Marc Anton aber infolge der sukzessiven Entzweiung von Octavian und Marc Anton in Rom zunehmend an politischem Boden verlor, ist davon auszugehen, dass die Bauarbeiten zunächst für längere Zeit liegen blieben. Erst nach seinem Überlaufen zu Octavian 32 v.Chr. (kurz vor der Niederlage des Marc Anton 31 v.Chr. bei Actium) wird er wieder das Ansehen und die Macht in Rom gehabt haben, um den Neubau des Tempels voranzutreiben und diesen fertigzustellen. Dabei scheint es jedoch, dass er den Tempel nun nicht mehr für seine eigene Repräsentation nutzen konnte, sondern ihn in den Dienst der Repräsentation des Siegers und neuen Herrschers Augustus stellte. Hierauf weist auch die literarisch überlieferte Nachricht, dass Tritonen mit Muschelhörnern als Akrotere den Tempel geschmückt haben – welche ein geläufiges Motiv in der augusteischen Bilderwelt für den Verweis auf den Seesieg bei Actium darstellten. Der neu erbaute Tempel des Munatius Plancus setzte sich in seinem Erscheinungsbild deutlich von dem betont altertümlich wirkenden Vorgängerbau ab.

Dass der Tempel in der Spätantike einem Brand zum Opfer gefallen ist und deswegen erneuert werden musste, ist der heute noch erhaltenen Inschrift auf dem Architrav zu entnehmen: SENATVS POPVLVSQVE ROMANVS / INCENDIO CONSVMPTVM RESTITVIT (= Senat und Volk von Rom haben den durch Brand beschädigten Tempel wiederhergestellt). Da lediglich diese Inschrift auf diese Zerstörung hinweist, die literarischen Quellen sie jedoch nicht überliefern, kann der Zeitpunkt dieser Zerstörung nur schwer bestimmt werden. Der verheerende Brand von 283 n.Chr. ist auszuschließen, da der Saturntempel in den literarischen Quellen nicht in der Gruppe der beschädigten Bauten erwähnt wird. Stilistisch lassen sich die Säulenkapitelle des Tempels, die der spätantiken Restaurierung des augusteischen Baus eindeutig angehören, in die zweite Hälfte des 4. Jh. n.Chr. datieren, so dass man allgemein von einer Brandzerstörung im 4. Jh. n.Chr. ausgeht. Ungewöhnlich bei der zugehörigen Restaurationsinschrift ist die fehlende Nennung des Saturns als Kultinhaber sowie die Einschränkung bei der Stifterangabe auf Senat und Volk, ohne Anführung des Kaisers oder Stadtpräfekten, denen eigentlich ein solcher Wiederaufbau oblegen hätte. (zu den einzelnen Phasen s.u.)

Kult

In erster Linie diente der Tempel als Kultort des Saturn, der mit dem griechischen Gott Kronos gleichgesetzt wurde. Saturn war Gott des Ackerbaus und des Reichtums; Beschreibungen seines Kultbildes überliefern, dass er eine Sense hielt und den Kopf verhüllte. Die Füße des Kultbildes waren mit wollenen Binden gefesselt, die an dem bedeutsamsten Kultfest des Saturns, den Saturnalia, gelöst wurden. Die Saturnalia wurden in Dezember gefeiert, an dem Tag der Einweihung des Saturntempels.

Sonstige Funktionen

Über die kultische Funktion wurde der Saturntempel auch für administrative Zwecke im Dienste des römischen Staates (res publica) verwendet. Besonders wichtig war seine Funktion als Aerarium, d.h. als Bau, in dem der Staatsschatz aufbewahrt wurde. Diese Funktion scheint der literarischen Überlieferung nach dem Tempel von Anfang an zugestanden zu haben – was insofern einleuchtet, entstand der erste Staatsschatz der jungen Republik doch aus der Überführung des Besitztums des vertriebenen Königs an das Volk von Rom; und dieser Staatsschatz musste konsequent in der Nähe und damit unter der Kontrolle des neuen politischen Zentrums am Comitium aufbewahrt werden. In zumindest späterer Zeit  diente das Aerarium im Saturntempel zugleich auch als Archiv, in dem Gesetzes- und Senatsbeschlüsse sowie Geburten- und Gesandschaftsregister aufbewahrt wurden.

Unklar ist jedoch, wo das Aerarium genau in dem Tempelbau verortet werden kann. Zum Teil vermutet man die Unterbringung des Aerariums unterhalb der Treppen des Tempelunterbaus, da an der Ostseite der Podiumswand Reste einer Tür bezeugt sind. Allerdings erscheint der hier zur Verfügung stehende Raum deutlich zu klein, um ausreichend Platz für den Staatsschatz und das Archiv zu bieten. Plausibler erscheint daher eine Lokalisierung des Aerarium in der Tempelcella selbst: So ist beispielsweise überliefert, dass Tiberius Gracchus die Cella des Tempels hat versiegeln lassen, um seinen politischen Gegnern den Zugriff zum Staatsschatz zu verwehren. Und 49 v.Chr. ließ Caesar nach seinem Einmarsch in Rom wiederum die Tempeltüren aufbrechen, um an das Staatsschatz zu gelangen.

Lage und Ruine

Der heute in der Ausgrabungsfläche sichtbare Tempel erhebt sich auf einem hohen Unterbau, der das stark abfallende Gelände ausgleicht, auf dem der Tempel errichtet ist: zwischen der Straße des clivus Capitolinus im Westen und der Straße des vicus Iugarius im Osten liegt ein Niveauunterschied von ca. 6 m. Ein kompakter Kern aus opus caementicium, der außen mit einem Mauerwerk aus Travertinquadern umschlossen ist, dient somit als eigentliche Substruktion, die den Tempel in die Höhe hebt.

Von dem sich hierauf erhebenden eigentlichen Tempelbau ist nur die Säulenfront der Nordfassade mit dem aufliegenden Architrav (welcher die Restaurationsinschrift trägt) sowie Resten der jeweils anschließenden Säulenstellung der Längsseiten erhalten. Alle anderen Teile der aufgehenden Architektur wie die Cellamauern oder die Dachkonstruktion sind hingegen verloren. Ebenso unklar überliefert ist die gesamte Treppenanlage, die von unten hoch auf das Laufniveau des Tempels führte. (zu Bildern der heutigen Ruine s.u.)

(EH)

 

Druckversion

Zitieren nach: Holter, Erika. „Der Saturntempel“, digitales forum romanum, http://www.digitales-forum-romanum.de/gebaeude/saturntempel/ (abgerufen am Tag.Monat.Jahr)

Phase 1

  • Frührepublikanischer Saturntempel, topographischer Kontext (um 100 v.Chr.)
  • Frührepublikanischer Saturntempel, topographischer Kontext (um 250 v.Chr.)
  • Frührepublikanischer Saturntempel (Anfang 5. Jh. v.Chr.)
  • Frührepublikanischer Saturntempel (Anfang 5. Jh. v.Chr.)
  • Frührepublikanischer Saturntempel (Anfang 5. Jh. v.Chr.)


Frührepublikanischer Tempel (Anfang 5. Jh. v.Chr.)

Neueste Ausgrabungen im Podium des Saturntempels haben Überreste des frühesten Tempels an dieser Stelle zu Tage gefördert. Es handelte sich dabei um Reste von Quadermauern aus Cappellaccio-Tuff, ähnlich den beobachteten Mauern beim frührepublikanischen (und damit nahezu zeitgleichen) Dioskurentempel. Da sich von der aufgehenden Architektur nichts erhalten hat, orientiert sich die Rekonstruktion des Erscheinungsbilds an anderen, besser erhaltenen zeitgenössischen Tempel im sog. etruskischen Stil, unter anderen am Dioskurentempel vom Forum selbst. Entsprechend wird der Tempel mit einer tiefen, säulengetragenen Vorhalle und einer sich daran anschließenden dreiteiligen Cella rekonstruiert.

Problematisch ist die Rekonstruktion des nicht mehr erhaltenen Treppenaufgangs: Da schon der frühe Saturntempel auf einem stark abfälligen Gelände stand, ist von einem terrassenartigen Unterbau auszugehen, der diesen Niveauunterschied ausglich und auf dem sich der eigentliche Tempel mit seinem Podium erhob. Entsprechend ist der Komplex des frühen Tempels mit einem künstlich angelegten Unterbau in unserem Modell rekonstruiert. Für die Erschließung der Tempelterrasse schlagen wir einen Zugang vom Westen vor, da hier der Aufgang vom Clivus Capitolinus am einfachsten zu bewerkstelligen war. Da Tempelbauten dieser Zeitstellung nicht mit längeren frontalen Treppenstrukturen überliefert sind, schließen wir dagegen eine Rekonstruktion mit einem Aufgang von Norden über eine höhere Treppenkonstruktion aus, wie sie dann in den folgenden Phasen aufgegriffen wurde.

Phase 2

  • Augusteischer Saturntempel des Munatius Plancus, topograph. Kontext (um 14 n.Chr.)
  • Augusteischer Saturntempel des Munatius Plancus (um 30 v.Chr.)
  • Augusteischer Saturntempel des Munatius Plancus (um 30 v.Chr.)
  • Augusteischer Saturntempel des Munatius Plancus (um 30 v.Chr.)


Augusteischer Tempel (42 - ca. 30/29 v.Chr.)

Der Neubau des Munatius Plancus in frühaugusteischer Zeit bewirkte eine deutliche Modernisierung: Nachdem der Tempel noch um die Mitte des 1. Jh. v.Chr. wohl in seiner archaischen Gestalt bestand und sich durch seine niedrige und einfache Architektur von den prächtigen spätrepublikanischen Tempeln am Forum (Concordiatempel, Dioskurentempel) markant unterschied, wurde der Saturntempel nun im Stil der damals beliebten römisch-hellenistischen Tempelarchitektur errichtet.

Von der aufgehenden Architektur ist nur wenig erhalten, doch ist davon auszugehen, dass der spätantike Tempel das Erscheinungsbild des augusteischen Baus weitgehend wiederholte, so dass dessen Aussehen ähnlich zu rekonstruieren ist: als prostyler Tempel mit sechs Säulen in der Front, hochaufragenden Säulen ionischer Ordnung und vorgeblendeten Halbsäulen an den Seitenwänden der Cella. Einige Bauelemente des augusteischen Tempels sind wahrscheinlich in dem spätantiken Tempel wiederverwendet, wie zum Beispiel das Gesims oder vier der Säulenbasen, die sich stilistisch der augusteischen Zeit zuordnen lassen.

Um das 6 m hohe Niveaugefälle zwischen der West- und der Ostseite des Tempels auszugleichen, wurde ein hohes Podium errichtet, auf dem der Tempel dann stand. Der heute noch sichtbare Podiumskern aus opus caementicium und einer Verkleidung aus Travertinblöcken gehört in diese Phase. Anders als bei dem frührepublikanischen Tempel von uns rekonstruiert, ist für den augusteischen Neubau ein Zugang über eine nördlich gelegene, frontale Treppenstruktur anzunehmen.

Phase 3

  • Spätantiker Saturntempel, topographischer Kontext (um 350 n.Chr.)
  • Spätantiker Saturntempel (4. Jh. n.Chr.)
  • Spätantiker Saturntempel (4. Jh. n.Chr.)
  • Spätantiker Saturntempel (4. Jh. n.Chr.)


Spätantiker Tempel (4. Jh. n.Chr.)

Das mit Travertinblöcken gefasste Podium des augusteischen Tempels wurde bei der Wiederherstellung des durch Brand zerstörten Tempels in der Spätantike weiterverwendet. Die sich darauf erhebende, heute noch sichtbare Fassade mit sechs Säulen an der Front und je einer Säule an der Seite stammt hingegen aus dieser spätantiken Umbauphase. Während sich die ionischen Kapitelle stilistisch in die Phase dieses Neubaus datieren lassen, also in dieser Zeit gearbeitet wurden, wurden für andere Bauteile Spolien (d.h. Bauteile andere älterer Bauten in Zweitverwendung) verwendet: dies betrifft die Säulenschäfte aus Granit sowie die Säulenbasen und die Blöcke des Frieses, welche von anderen Bauten, teils sogar von dem augusteischen Saturntempel stammen. In seinem Aussehen scheint der spätantike Tempel weitgehend dem augusteischen Vorgängerbau gefolgt zu sein.

Phase 4

  • Saturntempel, heutiges Erscheinungsbild
  • Saturntempel, heutiges Erscheinungsbild
  • Saturntempel, heutiges Erscheinungsbild
  • Saturntempel, heutiges Erscheinungsbild
  • Saturntempel, heutiges Erscheinungsbild
  • Saturntempel, heutiges Erscheinungsbild
  • Saturntempel, heutiges Erscheinungsbild
  • Saturntempel im Kontext der heutigen Ausgrabungsstätte


Ruine

Ausführlichere Besprechung und wissenschaftliche Rekonstruktion im Wiki des digitalen forum romanum (Dana Drüen, Erika Holter, Ramona Müller, Alexander Osterloh)

 

Ausgewählte Bibliographie

F. Coarelli, Saturnus, aedes, in: E.M. Steinby (Hrsg.), Lexicon Topographicum Urbis Romae IV (Rom 1999) 234-236.

Digital Roman Forum, Saturnus, aedes, http://dlib.etc.ucla.edu/projects/Forum/reconstructions/SaturnusAedes_1

E. Gjerstad, The Temple of Saturn in Rome. Its Date of Dedication and the Early History of the Sanctuary, in: M. Renard (Hrsg.), Hommages à Albert Grenier (Brüssel 1962) 757-762.

I. Köb, Rom. Eine Stadtzentrum im Wandel (Hamburg 2000) 70-83.

G. Maetzke, La struttura stratigrafica dell’area nord-occidentale del Foro Romano come appare dai recenti interventi di scavo, Archeologia Medievale 18, 1991, 43-200.

P. Pensabene, Il Tempio di Saturno. Architetture e Decorazione (Rom 1984).

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B. Steinmann, R. Nawracala, M. Boss, Im Zentrum der Macht. Das Forum Romanum im Modell (Erlangen-Nürnberg 2011) 44-47.