Porticus Deorum Consentium



Übersicht

  • Porticus Deorum Consentium, topographischer Kontext (spätes 1./ frühes 2. Jh. n. Chr.)
  • Porticus Deorum Consentium im Kontext der heutigen Ausgrabungsstätte
  • Porticus Deorum Consentium im Kontext der heutigen Ausgrabungsstätte

Errichtung: Anfänge im 4. Jh. v.Chr.

Umbauten: Ausbau wohl im 3. Jh. v.Chr. sowie im späten 1. Jh. / frühen 2. Jh. n.Chr. (flavisch-traianisch-hadrianisch); umfassende Restauration um 367 n.Chr.


So unscheinbar und geradezu versteckt die Porticus Deorum Consentium in der heutigen Ausgrabungsstätte auch wirken mag: Die Anlage in der Südwestecke des Forums, beim Aufgang hoch zum Capitol, eröffnet spannende Einblicke in verschiedene Facetten der Geschichte des Forum Romanum – sowohl was den sakralen Alltag am Forum während der Republik und Kaiserzeit, als auch was den Umgang der Spätantike mit den Bauten des Vergangenheit Roms betrifft.

Funktion

Die Porticus Deorum Consentium diente als Heiligtum für den Kult der Dei Consentes, „der einigen Götter“. Hierbei wurden (so zumindest für die Zeit der Späten Republik überliefert) zwölf Götter verehrt, sechs Götter und sechs Göttinnen: Iuppiter, Apollo, Mars, Mercur, Neptun, Vulcan sowie Iuno, Minerva, Ceres, Diana, Venus, Vesta. Ihre vergoldeten Statuen sollen am Forum gestanden haben – und wurden bei den zugehörigen Kultfeierlichkeiten, den Lectisternien, mit einem öffentlichen Bankett verehrt, bei welchem die Statuen dann bewirtet wurden. Wie im Einzelnen die Aufstellung der Statuen, die Inszenierung der Lectisternien sowie überhaupt die Ausgestaltung der Kultstätte vorzustellen ist, ist vorerst nicht eindeutig zu klären. Die am Forum überlieferte Anlage in ihrer spätantiken Fassung besteht aus einer Säulenhalle mit anschließenden acht Kammern sowie einem Vorplatz zum clivus Capitolinus: Wo hier die betreffenden Statuen aufgestellt waren, bleibt unklar. Für die Späte Republik wird ein Tempelbau (‚aedes deorum consentium‘) für den Kult literarisch überliefert, der mit der topographisch fassbaren, in der Spätantike restaurierten Kultanlage, die inschriftlich als ‚porticus deorum consentium‘ bezeugt ist, nicht einfach in Verbindung zu bringen ist.

Geschichte

Schriftliche Quellen und Mauerreste deuten auf einen ersten Bau in der Mittleren Republik hin. Entsprechend der späteren literarischen Überlieferung soll das Bankett für mehrere Götter (Lectisternium) in Rom erstmals im frühen 4. Jh. v.Chr. abgehalten worden sein – im Zusammenhang mit dieser Kulteinrichtung vermutet man die Schaffung einer ersten einfacheren Anlage des Kultplatzes. Reste einer Tuffquadermauer in den Rückwänden der späteren Kammern können mit dieser Anfangsphase in Verbindung gebracht werden. Spuren jüngerer Mauerstrukturen in dem Areal lassen einen weiteren Ausbau der Kultstätte im 3. Jh. n.Chr. annehmen; in diesem Kontext könnte der literarisch überlieferte Sakralbau (‚aedes‘) entstanden sein, der im baulichen Befund der später restaurierten Anlage jedoch nicht greifbar ist.

Im späteren 1. Jh. n.Chr. kam es auch zu erneuten Eingriffen in die Kultanlage der Dei Consentes. Die Umbau- bzw. Neubaumaßnahmen zogen sich wohl bis in traianisch-hadrianische Zeit hinein. Eine erneute Restauration der Anlage erfolgte im mittleren 4. Jh. n.Chr. Die Inschrift auf dem Architrav der Porticus benennt als Stifter den im Jahr 367 n.Chr. amtierenden Stadtpräfekten Vettius Agorius Praetextatus. Ob damals die Anlage noch für kultische Zwecke genutzt wurde oder nicht – und ob Praetextatus andere politische oder urbanistische Gründe zum Wiederaufbau motivierten, bleibt offen.

Mit dieser spätantiken Restauration erhielt die Porticus Deorum Consentium ihr endgültiges Erscheinungsbild. In den folgenden Jahrhunderten verfiel sie zunehmend als Ruine. 1834 wurde sie wieder ausgegraben und schließlich 1858 (mit weiteren Ergänzungen in der ersten Hälfte des 20. Jh.) partiell als Anastylose wiederaufgebaut.

Rekonstruktion und historische Interpretation

Die Rekonstruktion der Porticus beruht für die frühen Phasen vor allem auf den literarischen Überlieferungen und der Analyse von Mauerstrukturen am Capitolshügel, die die Existenz einer entsprechenden Anlage plausibel machen. Spuren von Fundamentmauern in der sechsten Kammer wurden als Reste einer Tempel-Architektur gedeutet, die sich ab dem 3. Jh. v. Chr. dort befunden haben könnte. Eine genaue Vorstellung von dieser Anlage ist vorerst jedoch nur schwer zu bekommen.

Die Bauarbeiten für den Tempel des vergöttlichten Vespasian markieren zugleich eine Umbauphase der Porticus: Der Platz vor den bestehenden Kammern wurde planiert und gepflastert, womit auf einem tieferen Niveau mehrere, nach Nord zum Vespasianstempel hin geöffnete Kammern entstehen. Auf der Pflasterung wurde vor der oberen Kammerreihe, die im stumpfen Winkel abknickt, eine Säulenreihe vorgeblendet. Ob diese Porticus als eine zweigeschossige Anlage ausgestaltet war, lässt sich nicht ermitteln. Doch zeigt es sich, dass es bis in traianisch-hadrianische Zeit möglich war, vom Tabularium aus auf das Dach bzw. das Obergeschoss der Porticus zu gelangen; danach wurde dieser Durchgang im Tabularium zugemauert.

Die Restauration in spätantiker Zeit scheint die Anlage in ihrer zuvor bestehenden, kaiserzeitlichen Form wiederhergestellt zu haben. Jedenfalls lassen sich in dem Baubefund keine Spuren einer weitreichenden Veränderung gegenüber der vorausgehenden baulichen Konzeption beobachten. Wieweit diese Bewahrung, wie sie ähnlich in dem benachbarten Saturntempel in dieser Zeit erfolgte, allerdings explizit als solche verstanden und präsentiert wurde – wie dies in der bisherigen Forschungsdiskussion unter Rekurs auf die Ergänzung der Stifterinschrift des Praetextatus gesehen wird -, muss in Frage gestellt werden: Allgemein anerkannt ist die Rekonstruktion der nur fragmentarisch überlieferten Inschrift mit einer Formulierung, dass die Porticus in ihrer altehrwürdigen Form wiederhergestellt worden sei. Beobachtungen im Rahmen der Rekonstruktion der Porticus für unser digitales Forumsmodell zeigen jedoch, dass diese Ergänzung keineswegs derart gesichert ist: Die zentralen Wörter der Inschrift, die einen solchen expliziten Rückgriff auf die Vergangenheit begründen (‚in formam antiquam restituto‘), sind eine moderne Ergänzung und daher für den antiken Befund nicht gesichert. Hieraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen für die historische Interpretation der Porticus. Bislang gilt sie als zentrales Zeugnis für einen spezifischen konservatorischen Umgang der Spätantike mit der Vergangenheit, argumentiert unter Hinweis auf die betreffende Stelle in der ergänzten Stifterinschrift. Diese Bewertung der Porticus Deorum Consentium ist jedoch problematisch und den aktuellen Beobachtungen zufolge nicht mehr haltbar.

(LCB)

 

Druckversion

Zitieren nach: Bossert, Lukas C. „Die Porticus Deorum Consentium“, digitales forum romanum, http://www.digitales-forum-romanum.de/gebaeude/porticus-deorum-consentium/ (abgerufen am Tag.Monat.Jahr)

Ausführlichere Besprechung und wissenschaftliche Rekonstruktion im Wiki des digitalen forum romanum (Lukas C. Bossert)

 

Ausgewählte Bibliographie

F. A. Bauer, Stadt, Platz und Denkmal in der Spätantike. Untersuchungen zur Ausstattung des öffentlichen Raums in den spätantiken Städten Rom, Konstantinopel und Ephesos Mainz: Philipp von Zabern, 1996.

L. C. Bossert, IN FORMAM ANTIQVAM RESTITVTO? Überlegungen zur Inschrift der Porticus Deorum Consentium (CIL VI 102) und ihren Ergänzungen im 19. Jahrhundert, in: BeStaR (demnächst).

P. Bruggisser, „Sacro-Saintes Statues“. Prétextat et la Restauration du Portique des Dei Consentes à Rome in: P. Behrwald – R. Witschel, C. (Hrsg.), Rom in der Spätantike. Historische Erinnerung im städtischen Raum, Stuttgart: Steiner, 2012, 331–356.

Digital Roman Forum, Porticus Deorum Consentium, http://dlib.etc.ucla.edu/projects/Forum/reconstructions/PorticusDeorumConsentium_1

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