Tetrarchisch

um 310 n.Chr.



Übersicht

  • Forum am Ende der Tetrarchie (um 310 n.Chr.), Blick von Südosten
  • Forum am Ende der Tetrarchie (um 310 n.Chr.), Blick von Osten
  • Forum am Ende der Tetrarchie (um 310 n.Chr.), Blick von Nordosten
  • Forum am Ende der Tetrarchie (um 310 n.Chr.), Blick von Nordwesten
  • Forum am Ende der Tetrarchie (um 310 n.Chr.), Blick von Westen
  • Forum am Ende der Tetrarchie (um 310 n.Chr.), Blick von Süden
  • Forum am Ende der Tetrarchie (um 310 n.Chr.), topographischer Überblick
  • Forum am Ende der Tetrarchie (um 310 n.Chr.), Vogelperspektive

Um 310 n.Chr. präsentierte sich das Forum Romanum erneut in einer stark veränderten Physiognomie. Wieder war der Platz in seiner räumlichen Inszenierung neu erfunden worden – und dies in Ausmaßen, wie sie ähnlich einschneidend zuvor nur unter Augustus erfolgt waren (s. Augustus II). Und ebenso vergleichbar wie damals unter Augustus, an der Wende von der Republik zum Principat, hatte der römische Staat nun wieder eine grundlegende Neudefinition seines politischen Systems erfahren: Statt einem Kaiser standen nun vier Herrscher an der Spitze des Römischen Reiches – zwei Oberkaiser (Augusti) und zwei ihnen zugeordnete Unterkaiser (Caesares). Dieses neue Herrschaftssystem, das als ‚Tetrarchie‘ bezeichnet wird (und die vier Herrscher entsprechend als ‚Tetrarchen‘), war von Diocletian entwickelt und nach einer Zwischenstufe (285 n.Chr. zunächst in Form einer Zweimännerherrschaft [‚Dyarchie‘]) im Jahr 293 n.Chr. eingerichtet worden. Nach den länger anhaltenden innen- und außenpolitischen Wirren und wirtschaftlichen Unsicherheiten, die Rom unter den Soldatenkaisern (235-284/85 n.Chr.) hatte erfahren müssen, bescherte die neue Herrschaftsform dem römischen Staat nun wieder die erforderliche Konsolidierung und politische Stabilität (auch wenn dieses Herrschaftssystem schon im Jahr 324 n.Chr. erneut überwunden wurde und sich das Konzept der Alleinherrschaft wieder durchsetzte, mit Kaiser Constantin an der Spitze, der als Sieger aus den internen Machtkämpfen hervorging, in die die Tetrarchie schließlich ab 311/12 n.Chr. versunken war).

Der Wandel des Forums als Bühne kaiserlicher Repräsentation mag somit auf den ersten Blick als logische Konsequenz des gewandelten politischen Systems erscheinen. Doch wie schon bei der Umwandlung des Forums unter Augustus, wo eine solche kausale Erklärung allein aus dem gewandelten politischen System ebenfalls nicht hinlänglich zu überzeugen vermag (s. Augustus II), zeigt sich auch beim Forum unter den Tetrarchen, das es vielmehr ein komplexerer und auch teils eigendynamischer Prozess war, der diese Veränderung des Platzes schließlich bedingte. Wie auch unter Augustus war damals am Anfang des politischen Wandels wiederum die Neuerfindung des Forums als Ergebnis keineswegs absehbar, im Gegenteil: die ersten Eingriffe der neuen Herrscher in die bauliche Substanz des Forums gingen zunächst in eine andere Richtung.

Doch beginnen wir die Geschichte dieses Kapitels von Anfang an: Ausgangspunkt für die Eingriffe der Dyarchen bzw. dann Tetrarchen am Forum waren größere Brandzerstörungen, die im Jahr 283/284 n.Chr. unter den Kaisern Carinus und Numerianus unter anderem verschiedene Bauten am Forum erfassten. Betroffen von diesen Bränden, die eventuell auf gezielte Brandstiftungen im Rahmen politischer Unruhen in der Stadt zurückgingen, waren vor allem die Curia sowie die Basilica Iulia. Beide Gebäude scheinen dabei weitgehend zerstört worden zu sein und wurden von den neuen Kaisern, Diocletian und Maximian, nahezu komplett als Neubauten wieder errichtet. Anstelle der alten Bauweise errichtete man sie nun in Ziegelmauerwerk, was eine schnellstmögliche Wiederherstellung erlaubte. Bezeichnenderweise orientierte man sich bei der Restaurierung jedoch weitgehend am Erscheinungsbild der alten augusteischen Bauten. Offensichtlich zielten die ersten Eingriffe der Dyarchen und dann Tetrarchen vor allem auf die Wiederherstellung des Forums in seinem altehrwürdigen Status quo. Neue und eigene Akzente wurden hierbei vorerst weniger zu setzen gesucht. Die neuen Herrscher repräsentierten sich somit in erster Linie als Sachwalter und Erben der großen Vergangenheit Roms (ähnlich wie es vor ihnen schon die Severer getan hatten, s. Severisch).

In einer zweiten Phase traten dann jedoch andere Pläne nach vorne. Sie zielten nun umso mehr darauf, die tetrarchische Gegenwart massiv ins Zentrum des Forums zu spielen und den Platz vor allem in einen Repräsentationsort des neuen Herrschaftssystems umzuwandeln. Wann diese Pläne aufkamen, ist schwer zu beurteilen. Ein wichtiger Moment für die Neugestaltung des Forums scheint in jedem Fall die Vicennalienfeier (das zwanzigjährige Herrschaftsjubiläum) im Jahr 303 n.Chr. gewesen zu sein, die in Rom begangen wurde und die zu einem der seltenen Besuche der Herrscher in der Hauptstadt des Reiches führte. Es kann durchaus sein, dass die Umwandlung des Forums überhaupt erst ganz gezielt auf dieses Ereignis hin beschlossen und realisiert wurde. Unklar ist auch, auf wessen Konto der Beschluss eigentlich ging: Waren es die Herrscher selbst, die sich angemessen auf dem alten Forum repräsentiert sehen wollten – oder eher der Senat von Rom, der die neuen Herrscher mit aufsehenerregenden Monumenten ehren und sie somit wieder enger an die alte Hauptstadt und Kaiserresidenz Rom binden wollte, mit durchaus einkalkuliertem Prestige- und Machtgewinn auch auf Seiten der stadtrömischen Senatoren. Fakt jedenfalls ist, dass der eigentliche Forumsplatz nun neu gefasst wurde: Fünf hochaufragende Säulen auf den Rostra Augusti (evtl. unter Wiederverwendung eines älteren severischen Monuments, s. Severisch) dienten der Feier des tetrarchischen Herrschaftssystems. Auf den Säulen standen die Statuen des Iuppiter und der vier Genien der Tetrarchen (wie eine Reliefdarstellung am Constantinsbogen in Rom überliefert) – bezeichnenderweise wurden dabei nicht die individuellen Personen der aktuellen Herrscher, sondern die abstrakte Idee des Herrschaftssystems mit zwei Augusti und zwei Caesares repräsentiert. Auf der gegenüberliegenden Ostseite des Platzes entstand eine zweite Rednertribüne (Rostra Diocletiani), die in ihrem Erscheinungsbild in weiten Teilen die alten Rostra Augusti zitierte – ihr gewissermaßen antwortete, ebenfalls mit einem Fünfsäulenmonument versehen. Informationen über den Statuenschmuck des zweiten Säulenmonuments sind nicht überliefert. Denkbar wäre eine wiederholte Aufstellung der Genien der vier Tetrarchen sowie nun Hercules in der Mitte (dem zweiten Gott neben Iuppiter, den die Tetrarchen als besonderen Schutzgott ihres Herrschaftssystems verehrten) – die Verdopplung der Rostra und Fünfsäulenmonumente könnte somit die Idee der Doppelspitze des Herrschaftssystems mit zwei Augusti symbolisch unterstreichen. Eingerahmt von diesen beiden Tribünen und ihren hochaufragenden Säulenmonumenten erstreckte sich nun der eigentliche Forumsplatz und wandelte sich damit zu einer Repräsentationsbühne des neuen Herrschaftssystems.

Ob damals ebenso auch schon die Erweiterung des Säulenkranzes an der Südseite des Forumsplatzes mit angedacht und geplant war, oder ob dies wenig später unter Maxentius geschah, der 306-312 n.Chr. in Rom herrschte, bleibt vorerst unklar. In jedem Fall sollte hiermit die Repräsentation der tetrarchischen Herrscher nochmals ausgeweitet werden: Sieben hochaufragende Ehrensäulen begrenzten den südlichen Rand der Forumsinsel zwischen den Rostra Augusti und den Rostra Diocletiani. Informationen über die sie schmückenden Statuen fehlen ebenso. Im historischen Kontext gut vorstellbar wäre, dass hier nun individuelle Porträtstatuen der konkreten Herrscher aufgestellt wurden, was den später an die Macht drängenden oder gar usurpierenden Tetrarchen wie etwa Maxentius eine ideale Bühne geboten hätte, die Legitimität des Herrschaftsanspruchs etwa durch die Integration seiner eigenen Porträtstaue in die Reihe der großen ersten Tetrarchen Diocletian, Maximian, Galerius und Constantius zu formulieren. Was auch immer die Motive und Intentionen dieser weiteren sieben Säulenmonumente waren, die Konsequenzen für das Erscheinungsbild des Forums waren die gleichen: Wo einst viele Jahrhunderte hindurch ein offener Platzraum bestanden hatte, dessen Ränder durch die aufragende Architektur der das Forum begrenzenden Bauten definiert waren, da entstand nun ein enger gefasster Platz, der durch einen Kranz hochaufragender Säulen neu begrenzt war. Dieser Kranz an Ehrensäulen schob sich visuell vor die Architekturkulisse der dahinter stehenden Bauten und drängte die bislang den Platz beherrschende Architektur wortwörtlich in die zweite Reihe zurück. Die nunmehr an die Ränder gerückte Vergangenheit wurde somit symbolisch von der Gegenwart im Vordergrund überdeckt.

Auffallend an dieser Neufassung des Forumsplatzes ist, dass die vierte Seite im Norden frei blieb – obgleich man auch hier hätte weitere Ehrensäulen aufstellen können. Damit erhielt die Nordseite des Platzes eine besondere Akzentuierung und wurde ein neuer räumlicher Dialog zwischen dem Forumsplatz mit seinen Rostra und dem Comitium mit der neu errichteten Curia nachdrücklich inszeniert. Seit der Umwandlung des Forums unter Augustus waren beide Räume, Forumsplatz und Comitium, visuell durch die zwischen ihnen verlaufende Straße getrennt. Durch den neuen Säulenkranz an allen drei anderen Seiten des Platzes wurden nun diese beiden alten Räume wieder stärker aufeinander bezogen – und auf diese Weise traten Rostra als der Ort der kaiserlichen Repräsentation und Curia als der Sitz des altehrwürdigen Senats wieder in einen vitalen und ideologisch betonten Dialog: Senat und Kaiser wurden somit als politische Partner inszeniert. Auch dieser Aspekt mag darauf verweisen, dass es eventuell weniger die Tetrarchen als vielmehr die stadtrömischen Senatoren waren, die dieses neue Konzept der Forumsgestaltung auf den Weg brachten – und damit den Kaisern im Medium der Architektur vermittelten, welchen Stil im politischen Miteinander und welche Anerkennung für die Stadt Rom als die primäre Kaiserresidenz sie sich erhofften. Die Abwesenheit der Kaiser aus Rom (mit Ausnahme des sich an die Macht usurpierenden Maxentius) und der sich ankündigende Bedeutungsverlust der alten Hauptstadt bilden in jedem Fall einen wichtigen Faktor in der urbanistischen Ausgestaltung Roms zur Zeit der Tetrarchie. Insofern ist es gut vorstellbar, dass auch dieser Faktor damals für die Neuerfindung des Forums ausschlaggebend war.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern und Kontrahenten auf dem römischen Kaiserthron wählte Maxentius Rom als seine Kaiserresidenz und betonte konsequenterweise umso mehr die zentrale Bedeutung der alten Hauptstadt. Entsprechend griff er auch in die Gestaltung der wichtigen öffentlichen Räume der Stadt ein und nutze sie als Bühne seiner kaiserlichen Repräsentation. Am Forum wurde unter ihm vor allem auch der Bereich des ehemaligen Comitium wieder stärker akzentuiert und durch Statuen des Mars und der beiden Gründer Roms, Romulus und Remus, als Erinnerungsort an die mythischen Ursprünge dieser Stadt inszeniert. Doch alle Bemühungen der stadtrömischen Senatoren und des Maxentius, die alte Bedeutung Roms als Hauptstadt des römischen Reiches aufrecht zu erhalten, sollten scheitern: 312 n.Chr. durch den Tod des Maxentius in der Schlacht gegen Constantin, und 324 bzw. 330 n.Chr. durch die Wahl von Constantinopel als Residenzstadt des neuen Alleinherrschers Constantin. Dieser endgültige Bedeutungsverlust Roms sollte auch für die Ausgestaltung und weitere Nutzung seines alten Forums weiterreichende Konsequenzen haben (s. Spätantike I & II).

(SM)

 

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Zitieren nach: Muth, Susanne. „Tetrarchisch“, digitales forum romanum, http://www.digitales-forum-romanum.de/epochen/tetrarchisch/ (abgerufen am Tag.Monat.Jahr)

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