Späte Republik II

um 100 v.Chr.



Übersicht

  • Forum in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), Blick von Südosten
  • Forum in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), Blick von Osten
  • Forum in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), Blick von Nordosten
  • Forum in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), Blick von Nordwesten
  • Forum in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), Blick von Westen
  • Forum in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), Blick von Süden
  • Forum in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), topographischer Überblick
  • Forum in der Späten Republik (um 100 v.Chr.), Vogelperspektive

Stand das Forum um 200 v.Chr. noch in den Startlöchern, so hat es gut 100 Jahre später sein Ziel erreicht. Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte sich das Erscheinungsbild des Platzes grundlegend gewandelt: Aus einem eher bescheidenen und mit wenig repräsentativer Architektur gefassten Stadtplatz war nun eine eindrucksvolle und prächtige Platzanlage allerersten Ranges geworden, die der politischen Bedeutung des inzwischen zur Weltmacht aufgestiegenen Roms alle Ehre machte.

Die vielfältigen Veränderungen gegenüber der Situation um 200 v.Chr. (s. Späte Republik I) sind geradezu mit Händen zu greifen: Der bis um 200 v.Chr. noch offene Kanal der Cloaca maxima war bald darauf überwölbt worden und damit aus dem Erscheinungsbild des Platzes verschwunden. Erstmals konnte das Forumsareal nun zu einer zusammenhängenden Fläche zusammenwachsen. Und diese neu erfahrbare Fläche wurde ihrerseits auch von einer neuen, monumentaleren Architektur gerahmt: Diese ließ den Besucher den Platz ihrerseits nun ganz anders wahrnehmen – vor allem spielte sie nun mehr und mehr die freie Forumsfläche in das Zentrum allen visuellen Platzerlebens, zum Nachteil des Comitiums.

An fast allen Seiten des Forums starteten im Laufe des 2. Jh. v.Chr. ambitiöse Bauprojekte, die die Gebäude in schwindelnde Höhen wachsen ließen. Teils wurden bestehende Bauten neu und prächtiger wiederhergestellt, teils entstanden auch ganz neue Repräsentationsbauten. Stifter dieser Bauten waren jeweils führende Politiker und Angehörige der führenden Familien Roms. So sehr ihre Baustiftungen dazu dienen sollten, das Forum endlich in ein der Macht Roms angemessenes Zentrum zu wandeln, so nutzten die Stifter ihre Bauten auch und letztlich noch mehr dazu, um sich selbst und ihre Familien am Forum zu repräsentieren und auf ihr Ansehen in Rom zu verweisen. Dahinter steht ein überaus vitaler Konkurrenzkampf unter den römischen Aristokraten (Nobiles), die um Ansehen und politische Macht rangen: Dieses Konkurrieren wurde seit der Mitte des 4. Jh. v.Chr. zunächst mittels Ehrenmonumenten und Beuteweihungen, so dann mittels Tempel- und Kultstiftungen realisiert (s. Mittlere Republik I). Doch forderte der sich intensivierende Wettbewerb, dass stets neue und noch aufsehenerregendere Strategien gefunden wurden, um sich von den Konkurrenten abzusetzen. Die Errichtung monumentaler Architektur am Forum im 2. Jh. v.Chr. war eine dieser Lösungen – zumindest kurzfristig.

Leitmotiv dieser anspruchsvollen Baustiftungen am Forum war damals die Basilica. Nachdem dieser Bautypus erstmals im späten 3. Jh. v.Chr. am Forum aufgekommen war, sollte er sich schnell und nachhaltig durchsetzen. An nahezu allen Seiten des Platzes entstanden plötzlich derartige Hallenbauten, unter Aufgabe der bis dahin bestehenden Bebauung der Ränder mit kleinteiligen Atriumhäusern: 184 v.Chr. die Basilica Porcia in der Nordwestecke neben der Curia, 179 v.Chr. die Basilica Fulvia an der Nordseite (als Ersatz der alten ersten Basilica), 169 v.Chr. die Basilica Sempronia an der Südseite, 121 v.Chr. die Basilica Opimia in der Südwestecke. Gerade die dichte zeitliche Abfolge der ersten drei Basilica-Bauten zeigt anschaulich, wie sehr die Idee dieser Baustiftung damals einschlug und schnell Nachahmung fand. Als imposante Bauten von architektonischer Pracht, repräsentativem Potential und multifunktionaler Nutzbarkeit erwies sich die Basilica damals als die profitabelste Baustiftung, mit der sich die jeweiligen Baustifter am Forum in Szene setzen konnten.

Freilich waren die attraktivsten Flächen am Forum schnell mit Basilica-Bauten besetzt. So mussten für ambitionierte Politiker wiederum andere Lösungen gefunden werden, um auch in der Folgezeit mit imposanten Bauten am Forum von sich reden zu machen. Im letzten Drittel des 2. Jh. v.Chr. gerieten entsprechend die Tempelbauten in den Blick und wurden für die politische Repräsentation Einzelner instrumentalisiert: 121 v.Chr. ließ der Consul L. Opimius den Concordiatempel an der Westseite neu errichten, 117 v.Chr. tat ihm dies der siegreiche Feldherr L. Caecilius Metellus gleich und errichtete den Dioskurentempel in der Südostecke neu. In beiden Fällen entstand der Bau von Grund auf neu, und es trat an die Stelle des alten archaischen Gebäudes nun ein moderner, prächtiger Tempel im Stil der damals in Rom beliebten und nunmehr angeeigneten hellenistischen Architektur. Mit ihren hochaufragenden Säulenfassaden beherrschten beide Tempelbauten das Forumsareal. Ihnen gegenüber mussten die alte Curia Hostilia und der wohl in seiner archaischen Gestalt verbleibende Saturntempel wie Relikte aus einer längst überwundenen Vergangenheit erscheinen.

Die emporwachsende Architektur der neuen Bauten am Forum war mehr und mehr auf die eigentliche, sich in Ostwestrichtung erstreckende Forumsfläche ausgerichtet. Dies wirkte sich auch auf die Wahrnehmung dieser Fläche als Bühne des Handelns auf dem Forum aus. Hatte zuvor das eigentliche Zentrum des politischen Raums in der Nordwestecke beim Comitium und der Curia gelegen, so trat nun die freie Forumsfläche mehr und mehr in Konkurrenz zum Comitium, um dieses schließlich als Bühne des politischen Handelns auf dem Forum abzulösen. Die Volksversammlungen drängten nun zunehmend auf die freie Forumsfläche. Seit etwa 200 v.Chr. hatte der Dioskurentempel mit seiner vorgelagerten Rednertribüne auf der Osthälfte der Forumsfläche einen neuen Versammlungsplatz entstehen lassen (s. Späte Republik I). Und ab der Mitte des 2. Jh. v.Chr. begannen dann auch die Redner auf den Rostra beim Comitium sich umzudrehen und nun nach Süden zu dem Volk auf der freien Forumsfläche zu sprechen, statt wie die Jahrhunderte zuvor nach Norden zum Comitium. Das alte Comitium büßte aufgrund seiner Enge, die die massiv anwachsende Bürgerzahl immer weniger aufnehmen konnte, zunehmend an Bedeutung ein. Konsequent zogen daher die politischen Aktivitäten mehr und mehr auf die freie Forumsfläche. Diese hier greifbare Verlagerung der politischen Räume sollte die weitere Entwicklung des Forums im folgenden 1. Jh. v.Chr. nachdrücklich befeuern (s. Sullanisch, Caesarisch, Augusteisch I & II).

(SM)

 

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Zitieren nach: Muth, Susanne. „Späte Republik II“, digitales forum romanum, http://www.digitales-forum-romanum.de/epochen/spaete-republik-ii/ (abgerufen am Tag.Monat.Jahr)

Ausgewählte Bibliographie

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