Späte Republik I

um 200 v.Chr.



Übersicht

  • Forum zu Beginn der Späten Republik (um 200 v.Chr.), Blick von Osten
  • Forum zu Beginn der Späten Republik (um 200 v.Chr.), Blick von Nordosten
  • Forum zu Beginn der Späten Republik (um 200 v.Chr.), Blick von Nordwesten
  • Forum zu Beginn der Späten Republik (um 200 v.Chr.), Blick von Westen
  • Forum zu Beginn der Späten Republik (um 200 v.Chr.), Blick von Süden
  • Forum zu Beginn der Späten Republik (um 200 v.Chr.), topographischer Überblick
  • Forum zu Beginn der Späten Republik (um 200 v.Chr.), Blick von Südosten
  • Forum zu Beginn der Späten Republik (um 200 v.Chr.), Vogelperspektive

An der Wende vom 3. zum 2. Jh. v.Chr. steht das Forum gewissermaßen in den Startlöchern, um sich in den folgenden Jahrzehnten des 2. Jh. v.Chr. sehr grundlegend zu wandeln. Auf den ersten Blick sieht man ihm freilich vor allem noch seine Abhängigkeit von der bisherigen Geschichte des Platzareals an. Und im Modell werden auf den ersten Blick auch ebenso kaum Neuerungen gegenüber der Situation in der vorausgehenden Phase um 250 v.Chr. (s. Mittlere Republik II) sichtbar. Doch an einzelnen, noch eher versteckten Stellen bahnen sich neue Experimente in der Gestaltung des Platzes an: Sie reagieren auf die zunehmenden Missstände in der Nutzbarkeit des Forums als öffentlich-politisches Zentrum der aufsteigenden Großmacht Rom und suchen nach zukunftsweisenden Lösungen. Dass diese Experimente zum Erfolg führen sollten, zeigt der Blick auf die folgende Phase (s. Späte Republik II): Nur wenige Jahrzehnte danach sollte sich die Gestalt des Forums sehr eindrücklich wandeln – und das Forum kaum wieder zu erkennen sein. Doch auch wenn diese damals greifbare Zäsur in der Geschichte des Forums meist erst im weiteren Verlauf des 2. Jh. v.Chr. verortet wird – die eigentliche Weichenstellung, die diesen Wandel bewirkte, erfolgte schon um 200 v.Chr.

Prägend für das Forum um 200 v.Chr. war vor allem seine Trennung in zwei Platzsegmente, die durch die damals noch als offener Kanal über das Forumsareal verlaufende Cloaca maxima bewirkt wurde: Seit alters her trennte der in Nordsüdrichtung laufende Kanal das Areal in zwei Hälften: in eine westliche Hälfte, die von dem Bereich des Comitiums und der Curia in der Nordwestecke dominiert wurde und gewissermaßen als das politische Zentrum am Forum wahrgenommen werden konnte, und in eine östliche Hälfte mit der Regia, dem Vestatempel und dem Dioskurentempel, die stärker als sakrales Zentrum am Forum fungierte.  Wie die Cloaca maxima verwiesen auch die angrenzenden Bauten auf eine ältere Entstehungsgeschichte. So entsprachen die Tempel – der Saturntempel in der Südwestecke, der Concordiatempel an der Westseite und der Dioskurentempel sowie der Vestatempel in der Südostecke – noch weitgehend dem Erscheinungsbild der vergangenen Tempelarchitektur des 5. und 4. Jh. v.Chr. und zeigten noch keine Annäherung an den aktuellen Trend hellenistischer Tempelarchitektur (wie er dann im 2. Jh. v.Chr. massiv aufgegriffen werden sollte). Und auch die alte Curia Hostilia beim Comitium und die Regia an der Ostseite scheinen damals weiterhin in ihrer Architektur aus dem 6. bzw. frühen 5. Jh. v.Chr. bestanden zu haben.

Einzig die im späten 4. Jh. v.Chr. neu gestalteten Tabernae argentariae mit ihren Schautribünen für die am Forum stattfindenden Feste, Spiele, Prozessionen oder Staatsakte sowie das wohl im frühen 3. Jh. v.Chr. neu gestaltete Comitium mit der nun gebogenen Rednertribüne bedeuteten Eingriffe in die Bausubstanz, die auf eine repräsentativere Gestaltung des Forums zielten. Bezeichnenderweise bewertete man damals die Neugestaltung der Tabernae und die damit einhergehende Konzentration der merkantilen Tätigkeiten auf die Geldwechsler als Steigerung der dem Platz angemessenen Würde. Doch genaugenommen resultierte dieser Zuwachs an würdevollem Aussehen vor allem aus der Konzentration der Handlungen auf dem Forum, nicht aber so sehr aus dem visuellen Erscheinungsbild seiner dominierenden Architektur. Angesichts des also insgesamt eher rückständigen Erscheinungsbildes der Forumsbebauung kann man sich gut die zunehmende Unzufriedenheit vorstellen, die damals die führenden Politiker und Feldherrn Roms beschlich, wenn sie das politische Zentrum ihrer Stadt mit denen der damals führenden griechischen Städte Unteritaliens und des hellenistischen Ostens verglichen. Und auch die auswärtigen Herrscher und Gesandten, die nun mehr und mehr Rom besuchten, werden ebenfalls irritiert gewesen sein angesichts des eher einfach gehaltenen Erscheinungsbildes dieses städtischen Platzes der aufstrebenden Großmacht Roms.

Diese Unzufriedenheit ist einer der wesentlichen Motoren für die bald nach 200 v.Chr. einsetzende Umgestaltung des Forums in eine hellenistisch geprägte Platzanlage ersten Ranges (s. Späte Republik II). Doch ein erstes Reagieren auf diese Unzufriedenheit können wir erstmals schon kurz vor 200 v.Chr. am Forum beobachten. Damals scheint an der Nordseite hinter den Tabernae novae ein erster Basilica-Bau entstanden sein (befördert durch eine Brandzerstörung in diesem Areal um 210 v.Chr.), der als Vorgängerbau der später errichteten Basilica Fulvia verstanden wird [in unserem Modell ist diese Basilica vorerst noch nicht eingefügt…]. Der hier erstmals aufblitzenden Idee der multifunktionalen Hallenbauten, die zugleich eine neue architektonische Pracht und einen stärkeren repräsentativen Anspruch in das Forum hineinholte, war dann im 2. Jh. v.Chr. eine große Zukunft beschieden: Als neues architektonisches Leitmotiv sollten damals derartige Basilica-Bauten nun an allen Ecken und Enden des Forums aus dem Boden wachsen (s. Basilica Porcia, Basilica Fulvia, Basilica Sempronia, Basilica Opimia).

Neben dieser Unzufriedenheit an dem wenig repräsentativen Erscheinungsbild der Forumsarchitektur kam damals um 200 v.Chr. noch eine weitere hinzu: Sie betraf die Nutzung des Forums als Bühne der politischen Kommunikation, wofür sich die Fläche des Comitiums als immer weniger ausreichend erwies. Zwar war das Comitium erst im 3. Jh. v.Chr. neu ausgebaut worden, doch zeichnete sich schnell ab, dass der Platz für die versammelte Bürgerschaft der damals prosperierenden und entsprechend schnell anwachsenden Stadt nicht mehr lange überzeugen konnte. Auch hier kommt es wohl um 200 v.Chr. zu einer einfachen, aber folgenschweren Lösung:  Man baute dem Dioskurentempel eine Rednertribüne vor, so dass hier nun in Ergänzung zum Comitium ein zweites Areal für Volksversammlungen entstand – welches zudem auch den funktionalen Ansprüchen eines solchen politischen Raumes besser entgegen kam, erlaubte es diese Rednertribüne dem Volk doch, sich auf der weitläufigen Forumsfläche zu versammeln. Die so erwirkte Ausweitung des Raumes der Volksversammlung, befreit aus der bisherigen Enge des Comitiums, sollte in der Folgezeit ebenfalls schnell zu weiteren und deutlich gravierenderen Reaktionen in der Bespielung des Forums als Bühne der politischen Kommunikation führen. Die bald darauf folgende Aufgabe des offenen Kanals der Cloaca maxima sollte dabei der letztlich noch geringste bauliche Eingriff in die Ausgestaltung des Forums im 2. Jh. v.Chr., sein.

(SM)

 

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Zitieren nach: Muth, Susanne. „Späte Republik I“, digitales forum romanum, http://www.digitales-forum-romanum.de/epochen/spaete-republik-i/ (abgerufen am Tag.Monat.Jahr)

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