Severisch

um 210 n.Chr.



Übersicht

  • Forum unter Septimius Severus (um 210 n.Chr.), Blick von Südosten
  • Forum unter Septimius Severus (um 210 n.Chr.), Blick von Osten
  • Forum unter Septimius Severus (um 210 n.Chr.), Blick von Nordosten
  • Forum unter Septimius Severus (um 210 n.Chr.), Blick von Nordwesten
  • Forum unter Septimius Severus (um 210 n.Chr.), Blick von Westen
  • Forum unter Septimius Severus (um 210 n.Chr.), Blick von Süden
  • Forum unter Septimius Severus (um 210 n.Chr.), topographischer Überblick
  • Forum unter Septimius Severus (um 210 n.Chr.), Vogelperspektive

Der Herrschaftsantritt des Septimius Severus und seiner Familie im Jahr 193 n.Chr. sollte auch für die Geschichte des Forum Romanum ein neues und aufregendes Kapitel einläuten. Nachdem es unter der vorausgehenden antoninischen Dynastie (96-192 n.Chr.) auf dem Forum kaum zu Eingriffen in die bauliche Substanz gekommen war (s. Antoninisch) und sich das Forum sukzessive zu einem Raum gewandelt hatte, in dessen architektonischer Ausgestaltung mehr die Vergangenheit als die Gegenwart präsent war, wurden unter der neuen Dynastie der Severer (193-235 n.Chr.) die Karten neu gemischt: Nun sollte die Gegenwart umso eindrücklicher wieder auf dem Forum präsent werden und in einen neuen und überaus vitalen Dialog mit der hier gleichfalls sichtbaren Vergangenheit treten.

Anders als die Adoptivkaiser scheinen die Severer die Chancen kaiserlicher Repräsentation auf dem Forum, unter betonter Anknüpfung an die Bauten vergangener Dynastien, gezielt gesucht zu haben. Offensichtlich erschien ihnen dies als eine opportune Strategie, um die Rechtmäßigkeit ihres Herrschaftsanspruch zu untermauern – und damit vielleicht insgeheim ein faktisches Manko in der Legitimation ihres Anspruches zu kompensieren (eine strukturell ähnliche Reaktion zeigte schon die Dynastie der Flavier mit ihren baulichen Eingriffen in das Forum, s. Flavisch).

Die baupolitischen Eingriffe, zu denen es unter den Severern – und hier vor allem in der Regierungszeit des Septimius Severus (193-211 n.Chr.) – am Forum kam, waren beachtlich. In ihrem Ausgreifen auf verschiedene Bereiche in der Topographie des Forums waren sie vergleichbar umfangreich wie die Eingriffe, die einst Augustus am Forum vornehmen ließ (s. Augustus II). Doch unterschieden sich die Bauaktivitäten der Severer grundlegend von denen des Augustus: Während unter Augustus das Forum nahezu komplett mit Bauten und Monumenten der Gegenwart neu bespielt wurde und die Vergangenheit aus dem Horizont visueller Wahrnehmung massiv zurückgedrängt und auf Erinnerungsreservate konzentriert wurde, suchten die Severer einen anderen und expliziten Dialog mit der Vergangenheit. Entsprechend weist ihre Baupolitik am Forum zwei Strategien auf: Zum einen kam es zu Restaurierungen älterer Bauten und Ausgestaltungen des Forums, teils unter bewusster Inszenierung einer bewahrten Vergangenheit; zum anderen entstanden aber auch gleichzeitig aufsehenerregende neue Monumente, die ebenso eindrucksvoll die ruhmreiche Gegenwart inszenierten und sie in den Dialog mit der restaurierten Vergangenheit treten ließen.

Die restaurativen Eingriffe betrafen folgende Bauten: Der flavische Tempel des divus Vespasianus erfuhr unter Septimius Severus und Caracalla eine Restaurierung, wovon die Inschrift des Tempels stolz kündete; da die erhaltene flavische Bausubstanz jedoch keine gravierenden Eingriffe erkennen lässt, ist davon auszugehen, dass die Restaurierungsmaßnahme nicht allzu weitreichend war – gut denkbar, dass sie mehr ideologischer als faktischer Natur war. Ebenfalls Restaurationsmaßnahmen, wohl auch eher kleineren Ausmaßes, erfuhr auch der benachbarte augusteische Tempel der Concordia. Der Vestatempel, der durch Brandzerstörung in größeren Teilen beschädigt war, wurde von der Gemahlin des Kaisers, Iulia Domna, wieder neu errichtet. Bei dem benachbarten Dioskurentempel scheint unter den Severern der Treppenaufgang neu gestaltet worden zu sein. Weitere restaurative Eingriffe erfolgten an den Rostra Augusti, im Areal des Comitium mit seinen Erinnerungsorten an die mythische Frühzeit sowie schließlich auch an der augusteischen Pflasterung der freien Forumsfläche: letztere wurde in weiten Teilen neu verlegt, allerdings unter ‚musealer‘ Bewahrung der augusteischen Stifterinschrift des Praetors Surdinus, deren Platten man gezielt liegen ließ. Ganz offensichtlich knüpften die Severer mit ihren Restaurationsmaßnahmen – und der dabei häufig gesuchten Inszenierung der bewahrten Vergangenheit – an verschiedene Epochen der vorausgehenden römischen Geschichte an und stilisierten sich somit als Sachwalter und würdige Erben der großen Vergangenheit Roms und seiner Kaiserdynastien.

Daneben suchten die Severer aber auch eine ebenso imposante Repräsentation ihrer eigenen Dynastie auf dem Forum. Besonders eindrucksvoll gelang dies durch den Neubau des monumentalen Severusbogens. An einer überaus prominenten Stelle am Forum, nördlich der Rostra Augusti am Rand des alten Comitium, gelegen und im Jahre 203 n.Chr. zu Ehren des Septimius Severus und seiner Söhne errichtet, stellte der neue Ehrenbogen dank seiner aufsehenerregenden Ausmaße und Dekoration alle bisherigen Ehrenmonumente am Forum in den Schatten (inwieweit hier frühere Bogenmonumente standen, die dem severischen Bau dann eventuell weichen mussten, ist unklar; s. Actiumbogen). Der Bogen feiert keine geringere Leistung als den Sieg des Septimius Severus über die Parther und zugleich die Wiederherstellung des Staates nach den Wirren des Bürgerkriegs. Manches spricht dafür, dass der Severusbogen nicht das einzige imposante Monument war, mit dem sich die Severer an der Westseite des Forums in Szene setzten. Die damals erfolgten Eingriffe in den Substruktionen der Rostra Augusti verweisen auf eine deutliche Verstärkung der tragender Bausubstanz, was wiederum darauf hindeutet, dass damals auf der Rednertribüne selbst ein monumentales Denkmal errichtet worden sein muss, das nahezu die gesamte Länge der Rednertribüne umfasste. Plausibel ist dieses Monument mit einem Vorgängerbau des berühmten tetrarchischen Fünfsäulenmonuments in Verbindung gebracht worden (das tetrarchische Monument wäre demnach als Wiederaufbau oder Okkupation eines früheren severischen Monuments anzusprechen, s. Rostra Augusti). Dieses Fünfsäulenmonument, das sich auf den unter den Severern restaurierten Rostra Augusti erhob, bildete die visuelle Verlängerung des Severusbogens (gut denkbar, dass die Säulen in ihrer Höhe mit den vorgestellten Säulen am Severusbogen konvergierten). Der Severusbogen und wohl auch das severische Fünfsäulenmonument schufen somit einen neuen und zugleich monumentalen optischen Abschluss des Forums an seiner Westseite und spielten dadurch die severische Gegenwart allzu prominent in den Vordergrund. So inszeniert konnte die Zeit der Severer selbstbewusst den Dialog mit den anderen Vergangenheiten, die am Forum präsent waren, auf gleicher Augenhöhe suchen, wenn nicht sogar diese übertrumpfen.

Innerhalb einer vergleichsweise kurzen Zeit von etwa zwei Jahrzehnten war das Forum Romanum somit wieder zu einem Raum der kaiserlichen Repräsentation – und zwar ersten Ranges – geworden. Neben die bisher präsenten Vergangenheiten des Augustus und der Flavier trat nun, als künftig neu hinzukommende Vergangenheitsschicht, die Zeit der Severer. An diese überaus engagierte und ambitiöse Inszenierung kaiserlicher Macht auf dem Forum sollte dann die Epoche der Tetrarchen anknüpfen – und das Erscheinungsbild des Forums noch mehr von der dann wieder aktuellen Gegenwart einnehmen lassen (s. Tetrarchisch).

(SM)

 

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Zitieren nach: Muth, Susanne. „Severisch“, digitales forum romanum, http://www.digitales-forum-romanum.de/epochen/severisch/ (abgerufen am Tag.Monat.Jahr)

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