Antoninisch

um 150 n.Chr.



Übersicht

  • Forum unter Antoninus Pius (um 150 n.Chr.), Blick von Südosten
  • Forum unter Antoninus Pius (um 150 n.Chr.), Blick von Osten
  • Forum unter Antoninus Pius (um 150 n.Chr.), Blick von Nordosten
  • Forum unter Antoninus Pius (um 150 n.Chr.), Blick von Nordwesten
  • Forum unter Antoninus Pius (um 150 n.Chr.), Blick von Westen
  • Forum unter Antoninus Pius (um 150 n.Chr.), Blick von Süden
  • Forum unter Antoninus Pius (um 150 n.Chr.), topographischer Überblick
  • Forum unter Antoninus Pius (um 150 n.Chr.), Vogelperspektive

Während sich die Flavier als neue Herrscherdynastie eindrücklich in die Physiognomie des Forum Romanum eingeschrieben hatten (s. Flavisch), sollte es unter der Herrschaft der nächstfolgenden Dynastie, den sog. Adoptivkaisern bzw. der sog. Antoninischen Dynastie, auf dem Forum merklich ruhiger werden. In den gut 100 Jahren ihrer Herrschaft, vom Regierungsantritt des Kaisers Nerva im Jahr 96 n.Chr. an, über die Regierungszeiten der Kaiser Traian, Hadrian, Antoninus Pius und Marc Aurel, bis zum Tod des letzten antoninischen Kaisers Commodus im Jahr 192 n.Chr. – einem Zeitraum, in dem das Römische Reich zu einer neuen innen- und außenpolitischen Konsolidierung sowie wirtschaftlichen und kulturellen Blüte fand –, kam es interessanterweise nur zu relativ wenigen Eingriffen in die Bausubstanz am Forum.

Ganz offensichtlich stand das alte Forum für die Adoptivkaiser nur bedingt im Fokus ihres Interesses, zumindest was ihre baupolitischen Aktivitäten betrifft. Umso stärker engagierten sie sich an anderen Stellen in der Stadt Rom: Dort entstanden aufsehenerregende neue Räume mit anspruchsvollen Architekturen, die die herausragende Position und einzigartige Macht der neuen Kaiser symbolisierten und repräsentierten. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei vor allem den Bereichen der Kaiserfora, die nördlich an das alte Forum anschlossen (bes. aufwendig die Ausgestaltung des monumentalen Traiansforums), sowie dem Marsfeld (mit Bauten für den Kaiserkult und die kaiserliche Repräsentation: Pantheon, Tempel für den divus Hadrianus, Tempel für den divus Marcus Aurelius etc.); ferner entstanden unter Hadrian auf der Velia ein kolossaler Tempel für Venus und Roma, sowie unter Traian auf dem Oppius eine gewaltige öffentliche Thermenanlage. Im Schatten dieser beachtlichen Bauprojekte anderenorts fällt die Zurückhaltung der Adoptivkaiser am alten Forum umso mehr auf.

Die Liste an baulichen Veränderungen auf dem Forum ist schnell aufgezählt: Unter Nerva wurde das kolossale Reiterstandbild des gestürzten letzten flavischen Kaisers Domitian (Equus Domitiani) wieder abgerissen. Unter Traian (evtl. auch noch unter Hadrian) kam es zu kleineren nachträglichen Eingriffen bei der Porticus deorum consentium; diese standen jedoch noch im Kontext des hier vorausgehenden flavischen Bauprojekts (im Zusammenhang mit dem Neubau des benachbarten Tempels für den divus Vespasianus), welches so lediglich konsequent vollendet wurde. Ebenfalls unter Traian oder Hadrian wurde ein bislang nicht identifizierbarer Bau (Gebäude oder Monument) mit reliefgeschmückten marmornen Schranken (sog. Anaglypha Traiani bzw. Hadriani) ausgestattet – ob hierbei ein schon bestehender Bau erweitert oder ein neuer errichtet wurde, lässt sich vorerst nicht klären.

Der einzige und wirklich bemerkenswerte Bau, der unter den Adoptivkaisern im Kontext des Forums errichtet wurde, war ein Tempel, den der Kaiser Antoninus Pius für sich und seine früh verstorbene Gemahlin Faustina errichten ließ und der dann später dem Kult des divinisierten Kaiserehepaares galt. Doch dieser Tempel für den divus Antoninus und die diva Faustina bildete bezeichnenderweise zugleich einen Bau, der streng genommen gar nicht mehr direkt am Forum selbst lag. Lediglich seine hochaufragende Architektur überragte die Gebäude, die unmittelbar an den Forumsplatz angrenzten (Tempel des divus Iulius, Basilica Paulli), so dass der Tempel des Antoninus Pius ansatzweise auch in das Forum hinein wirkte.

Warum sich die Adoptivkaiser nicht stärker am Forum durch Bauprojekte oder Monumente repräsentieren wollten, ist schwer zu beurteilen. Freilich mochte man, zumindest zu Zeiten der ersten Adoptivkaiser, das Forum als baulich ‚gesättigten‘ Raum wahrgenommen haben, aufgrund der vorausgehenden weitreichenden Eingriffe, die unter Augustus und dann den Flaviern hier schon erfolgt waren (s. Augusteisch II, Flavisch). Doch ist bauliche Sättigung selten ein starkes Argument in der kaiserlichen Baupolitik: Oftmals kam es zu Restaurierungsmaßnahmen prominenter Bauten nicht aufgrund eines tatsächlichen baulichen Bedarfs, sondern vor allem aufgrund des Interesses an einer angemessenen Präsenz in der bedeutungsaufgeladenen Physiognomie des Forums (wie es sich erneut bei der folgenden Dynastie der Severer eindrucksvoll zeigen sollte, s. Severisch). Plausibler ist daher die Annahme, dass das Forum aufgrund der vorausgegangenen Ausgestaltung als ein stark besetzter und zudem vergleichswiese enger Raum wahrgenommen wurde, der vielleicht den aktuellen Interessen an einer eindrucksvollen kaiserlichen Repräsentation keine ausreichenden Möglichkeiten mehr bot, wie sie den einzelnen Kaisern in anderen, von ihnen neu geschaffenen urbanen Räumen in Rom (Kaiserfora, Anlagen des Kaiserkultes auf dem Marsfeld) zur Verfügung standen.

Allein Antoninus Pius suchte bezeichnenderweise die Nähe des alten Forums und damit den Dialog mit der dort präsenten Vergangenheit: Mit der Errichtung des Tempels, der seinem Kult (nach seiner Vergöttlichung) sowie dem seiner divinisierten Gemahlin galt, antwortete er direkt auf den Tempel des divus Iulius und den Tempel des divus Vespasianus. Die Tragweite dieser Entscheidung wird besonders auch darin deutlich, wenn man bedenkt, dass Antoninus Pius in der Lokalisierung seines Tempels gerade nicht der Tradition seines Vorgängers Hadrian folgte: Dieser hatte das mittlere Marsfeld als Raum kaiserlicher Repräsentation – vor allem unter dem Aspekt der Konsekration und des Kaiserkultes der vergöttlichten Kaiser – neu entdeckt und ausgestaltet. Dass ihm Antoninus Pius hierin jedoch nicht folgte, markiert anschaulich, dass zumindest für ihn das Forum Romanum weiterhin als attraktiver Raum kaiserlicher Repräsentation galt. Doch zeigt zugleich die bauliche Lösung, die man für diesen Tempel fand – gewissermaßen in die zweite Reihe versetzt, dicht an die eigentliche Forumsbebauung angelehnt –, dass es zunehmend schwer wurde, größere Repräsentationsbauten direkt am Forum neu zu errichten, ohne dort bestehende Bauten abzureißen. Konsequenterweise sollte dann auch der folgende divinisierte Kaiser, Marc Aurel, seinen Tempel wieder auf dem Marsfeld errichtet bekommen: Die von Antoninus Pius gesuchte Lösung im Kontext des Forums scheint nur bedingt überzeugt zu haben.

Was aber auch immer die Gründe für die einzelnen Adoptivkaiser waren, warum sie sich am Forum baulich so wenig einbrachten, die Konsequenzen für das Forum Romanum waren stets die gleichen: Das Forum begann als urbaner Raum langsam vor sich hin zu ‚altern‘. Während an anderen Stellen Roms die neuen Kaiser aufsehenerregende Bauten und architektonische Räume entstehen ließen, nach dem aktuellen Geschmack der damaligen Zeit, konnte man auf dem Forum die Gegenwart mehr und mehr aus dem Blick verlieren. Hier war es vielmehr die Vergangenheit, die Zeiten des Augustus und der Iulier sowie dann die der Flavier, die umso eindrücklicher und allumfassend in den verschiedenen Bauten und Monumenten präsent waren. Die im baulichen Bestand wahrnehmbare Vergangenheit und die im alltäglichen Treiben erlebbare Gegenwart gerieten somit auf dem Forum immer mehr in eine spannungsreiche Distanz – und in einen neuen aufgeladenen Dialog.

Dass das Forum dadurch jedoch keineswegs seine Attraktivität für die kaiserliche Repräsentation verlieren sollte, ja sogar noch mehr, dass seine Attraktivität vielleicht durch die neue Chance des Dialogs mit einer zunehmend besser wahrnehmbaren Vergangenheit nochmals stieg, dies sollte das nächste Kapitel in der Geschichte des Forums zeigen: Unter der Dynastie der Severer erwachte das Forum wieder und wurde von neuem zum Schauplatz aufsehenerregender Bauprojekte und nachdrücklicher Präsenz der gegenwärtigen Herrscherdynastie (s. Severisch).

 

(SM)

 

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Zitieren nach: Muth, Susanne. „Antoninisch“, digitales forum romanum, http://www.digitales-forum-romanum.de/epochen/antoninisch/ (abgerufen am Tag.Monat.Jahr)

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